Manifest der digitalen Nachhaltigkeit in Südtirol

Digitale Nachhaltigkeit in Südtirol – Manifest (Version 2.1)

1L’homme est libre au moment qu’il veut l’être. (Voltaire, https://simple.wikiquote.org/wiki/Voltaire)
Der Mensch ist dann frei, wenn er entscheidet frei zu sein.

2Was ist „digital nachhaltig“?

2.01Was ist „digital nachhaltig“?Digitale Nachhaltigkeit beschäftigt sich mit der Frage, wie in der heutigen Gesellschaft ein ethisch verantwortlicher Umgang mit digitalen Gütern möglich ist.
2.02Digitale Güter sind immaterielle Güter und Dienstleistungen die in Form von Texten, Bildern, Audio, Video und Software mit Informationssystemen entwickelt, gesammelt, übertragen und genutzt werden können. Sie enthalten beispielsweise kulturelle Artefakte, menschliches Wissen und gesammelte Informationen.
Digitale Güter sind nachhaltig, wenn:

  • 2.03sie die kulturelle Vielfalt reflektieren und stimulieren, im Gegensatz zu Monokulturen;
  • 2.04ihre Inhalte und Quellen (einschließlich künstlicher Intelligenz) verifiziert werden können.

2.05Der soziale Nutzen ist dann (maximal)am Größten, wenn die digitalen Güter der größten Anzahl von Menschen zugänglich und mit einem Minimum an technischen, rechtlichen und sozialen Restriktionen wiederverwendbar sind.
2.06Die Produktion und Nutzung digitaler Güter ist ethisch nachhaltig, wenn sie die Würde und die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund stellt, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Leben. Ethische Regeln müssen im digitalen Zeitalter die Achtung der Arbeitnehmer als zentralen Aspekt berücksichtigen.
2.07Digitale Güter werden nachhaltig verwaltet, wenn ihr Nutzen für die Gesellschaft die digitalen Bedürfnisse gegenwärtiger und zukünftiger Generationen in gleichem Maße erfüllt.
2.08Digitale Nachhaltigkeit heißt auch, den gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag, der notwendigerweise durch die umwälzenden Veränderungen des alles durchdringenden Einsatzes der digitalen Technik entsteht, ernst zu nehmen und die Folgen des gesellschaftlichen und individuellen Umgangs mit der neuen Technologie zu hinterfragen, um dann mit entsprechenden Handlungen darauf zu reagieren, sei es im öffentlichen, sozialen, kulturellen, ökologischen, ökonomischen wie auch im privaten Bereich.
2.09Unsere digitale Welt ist geprägt durch die Forderung des „hier und jetzt“. Darauf beruht der Erfolg der Email, von Social-Media, Suchmaschinen, der Plattformen, usw… die diesen Trend voll unterstützen. Das ist bequem, macht Spaß und… macht ungeduldig. Ungeduld ist aber ein Faktor, der irgendwie dem Konzept der Nachhaltigkeit widerspricht. Die Kosten und Energien, die dafür aufgebracht oder in Kauf genommen werden müssen, um diese Ungeduld zu stillen, werden selten hinterfragt, sind aber enorm.
Vielleicht würde die Rückbesinnung auf mehr Geduld uns besser zu Gesichte stehen, und das in vielerlei Hinsicht.

3Merkmale digitaler Nachhaltigkeit

3.01Was kennzeichnet Digitale Nachhaltigkeit?

  • 3.02Digitale Güter müssen finanziell, technisch und organisatorisch für alle Menschen nutzbar und veränderbar sein.
  • 3.03Die Sammlung, Verarbeitung und Auswertung von digitalen Gütern welche persönliche Daten beinhalten, muss in ihren Auswirkungen und Zielen die Würde des Menschen achten und dementsprechend reguliert werden.
  • 3.04Die Zugänglichkeit zu digitalen Gütern sollte unabhängig von finanziellem Vermögen gegeben sein.
  • 3.05Das Wissen um die digitalen Güter muss frei regenerierbar und reproduzierbar sein.
  • 3.06Um Wissen weiterzugeben und für zukünftige Generationen zu erhalten sind offene Formate, offene Standards und freie Lizenzen notwendig.
  • 3.07Die Weitergabe, Wiederverwendung und Modifizierung von digitalen Gütern muss technisch und rechtlich möglich sein und gefördert werden.
  • 3.08Das Wissen und die Kontrolle über die digitalen Güter darf nicht nur bei einer Person oder Organisation liegen, sondern muss über viele Akteure verteilt sein.
  • 3.09Eine sinnvolle Strukturierung, Modularisierung, Dokumentation, Auffindbarkeit und das möglichst präzise Filtern digitaler Güter muss gewährleistet sein.
  • 3.10Digitale Güter (vor allem Software) müssen so gestaltet sein, dass sie keine Abhängigkeiten zu ihren Herstellern schaffen, sowie transparent entstehen (offener Quellcode) und vertrauenswürdig sind.
  • 3.11Es gilt, individuelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, sowie entsprechende gesetzliche Regulierungen zu schaffen, dass nachhaltige digitale Güter auf breiter Front gefördert und präferiert werden.

4Ziele digitaler Nachhaltigkeit

4.01Angesichts der oben genannten Merkmale wollen wir dazu beitragen, dass in Südtirol im kulturellen und sozialen Leben, in der Wirtschaft, in der öffentlichen Verwaltung und im Bildungsbereich folgende Ziele gefördert und konkret in praktische Maßnahmen umgesetzt werden:

  • 4.02Freie Inhalte: Offene, partizipative Modelle kultureller Produktion wie Wikipedia und Creative Commons begründen gesellschaftlichen Mehrwert und sind zu fördern, in dem mit öffentlichen Geldern finanzierte Inhalte frei zugänglich gemacht werden.
  • 4.03Freier Wissenszugriff: Von der Gesellschaft finanzierte Forschungs- und Bildungsergebnisse sollen als öffentliche Güter frei verfügbar sein.
  • 4.04Digitales Kompetenz: Die digitale Alphabetisierung, auch „Digital Literacy“ genannt, sollte gefördert werden, um den Einzelnen über Nutzen und Risiken der Digitalisierung zu informieren und einen bewussten Umgang mit digitalen Gütern ermöglichen.
  • 4.05Individuelle Würde: Die Bereitstellung und Nutzung von digitalen Gütern und Diensten respektiert bei allen Teilhabern die persönliche Würde des Menschen.
  • 4.06Offene Standards: Standardisierte Schnittstellen und Datenformate sind die Grundlage für Interoperabilität und Austauschfähigkeit in den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT); sie sollten als Basis für nachhaltige und hochzuverlässige HW- und SW-Systeme mit hoher Investitionssicherheit gefördert werden.
  • 4.07Freie Open Source Software (FOSS): Dank quelloffener, frei veränderbarer Software entsteht eine neue Sicht auf die Informatik als strategische Infrastruktur, welche Transparenz, Unabhängigkeit und Zukunftssicherheit mit langfristiger Kosteneffizienz verbindet. Diese Vision gilt es zu unterstützen und verbreiten.
  • 4.08Nachhaltiger Wirtschaftskreislauf: Die Hardware, auf der die IT-Systeme basieren, muss Teil eines ökologisch nachhaltigen Wirtschaftskreislaufs sein. Initiativen, die auf offenem Design und Wiederverwendung von Komponenten basieren, sollten bevorzugt werden.

Mach bei den folgenden Initiativen mit!

Wenn Du dich für Digitale Nachhaltigkeit interessierst kannst Du uns kontaktieren, am Gedankenaustausch teilnehmen und bei verschiedenen Initiativen mitarbeiten.
Hier findest du verschiedene Kontaktmöglichkeiten via Telegram, Mail oder Mailingliste:
Kontakte Openbz

Im Alltag kannst du:

  • dich beim Einkauf von PC’s oder Notebooks für Linux kompatible Rechner entscheiden.
    Im Mai 2017 haben die Linux User Group und die Verbraucherschutzzentrale die Initiative  „Transparent Hardware“ gestartet die auf Geschäfte hinweist, welche PCs und Notebooks verkaufen die für die Installation von Linux und Freier Software geeignet sind. Hier findest du eine Liste der teilnehmenden Händler: https://www.lugbz.org/open-letters/transparent-hardware/
  • dich bei den Open & Linux Schaltern in Bozen, Meran, Bruneck oder beim Repaircafè in Brixen anmelden wenn du Hilfe zu einer freien Software oder bei einer Installation benötigst. Eine Gruppe von Freiwilligen steht zur Verfügung, um über die Verwendung von Freier Software auf PCs oder Smartphones zu informieren und kostenlos Linux auf PCs und Laptops zu installieren. Wir helfen bei der Verwendung von Freien Software-Anwendungen wie sie zum Beispiel an den italienischen Schulen verwendet werden, welche die Linux-Distribution des FUSS-Projekts benutzen.
  • Freie Software wie LibreOffice (Document Foundation) und jede beliebige GNU/Linux-Distribution verwenden;
  • Texte auf Wikipedia schreiben, Fotos machen, Filme drehen und sie mit einer Creative Commons Lizenz deiner Wahl teilen.
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/Hauptseite). Alternativ zu Google gibt es auch Suchmaschinen für „offene und freie“ Inhalte: https://search.creativecommons.org/
  • dich über die vielfältigen Möglichkeiten der Digitalen Selbstverteidigung informieren, die es dir erlauben, sich best möglichst vor der Datensammelwut der Online-Großkonzerne zu schützen. Lese dazu die Ratschläge von „Digital Courage“: https://digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung
  • uns bei der Initiative Public Money – Public Code unterstützen. Öffentliche Verwaltungen, die neue Software entwickeln, sind gesetzlich verpflichtet, ihren Code als FOSS zu veröffentlichen, um ihn anderen öffentlichen Verwaltungen und Dritten öffentlich zugänglich zu machen. Solche Lösungen können einen hohen Wiederverwendungsgrad haben und damit die Einsparung öffentlicher Gelder begünstigen https://publiccode.eu/de/
  • In den Open & Linux Schaltern in Bozen, Meran, Bruneck und Brixen ehrenamtlich mitarbeiten. Wenn du Kenntnisse über Freie Software hast und einen aktiven Beitrag leisten möchtest, kontaktiere uns bitte hier: https://openbz.eu/?page_id=445&lang=de
  • mit dem FUSS-Projekt zur Weiterbildung beitragen: FUSS ist eine komplette Ubuntu-basierte GNU/Linux-Lösung (Server, Client und Desktop/Standalone) zur Verwaltung eines Lernnetzwerks. Gleichzeitig ist es aber auch ein digitales Nachhaltigkeitsprojekt, das es Schülern und Lehrern seit 2005 ermöglicht, die in der Schule installierten IT-Werkzeuge kostenlos und ohne zusätzliche Kosten zu Hause zu nutzen: https://fuss.bz.it/

Auf diese Weise findest Du auch Hilfe in der lokalen und globalen Community. Werde Teil einer wachsenden weltweiten Bewegung!

License

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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Kommentare

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  • Man kann die formelle Unterstützung erklären. Daher ist die Angabe einer E-Mailadresse erforderlich.
  • Man kann zu Punkten des Manifestes Vertiefungen vorschlagen.
  • Man kann Anregungen zu Initiativen im Umkreis des Manifestes vorbringen.

Gleichzeitig sei aber auch auf die weiteren Möglichkeiten des Mitdenkens verwiesen, z. B. die Mailingliste (siehe weiter unten) oder die Schalter-Initiativen in Bozen, Bruneck, Meran und Brixen, bei denen zusätzlich auch persönliche Kontakte möglich sind.

Die eingelangten Kommentare werden von der Koordinationsgruppe regelmäßig bearbeitet und persönlich beantwortet. Daher werden die Kommentare nach der Bearbeitung in regelmäßigen Abständen gelöscht.

Drei spezifische Punkte zur Netiquette, in Ergänzung zu den allgemeinen Regeln (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Netiquette https://it.wikipedia.org/wiki/Netiquette#Regole_e_principi_della_netiquette)

2 Kommentare zu “Manifest der digitalen Nachhaltigkeit in Südtirol
  1. Christian troger sagt:

    Ich unterstütze das Manifest für digitale Nachhaltigkeit in Südtirol.
    Gute Arbeit
    Christian Troger

  2. Andreas sagt:

    Hi,

    ich finde es sehr gelungen. der erste teil (Was ist „digital nachhaltig“?) lest sich ein wenig holperig. ich meine damit:
    -…immaterielle Güter oder Dienste wie Wissen,… (wie Wissen-> unterbricht den lesefuss und man versteht es auch gar nicht was gemeint ist, denn Dienste sind dig. Dienste gemeint, oder? )
    – ich wurde auch immer (im ganzen Absatz) ein und einsetzen statt ein oder.

    ebenso beim Satz
    -sie die kulturelle Vielfalt reflektieren und stimulieren, im Gegensatz zu Monokulturen;
    würde die Beifügung (im Gegensatz zu Monokulturen) komplett streichen

    ich hoffe ich konnte euch wertvolle Anregungen liefern
    lgA

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